Das Wöhrder Totengräberhaus – Ein (fast) vergessener Schatz

Gerade im Sommer, wenn die Gräber auf dem Wöhrder Friedhof mit bunten Blumen geschmückt sind, wirkt es besonders hübsch: das Wöhrder Totengräberhaus. Aber auch sonst ist dieses Haus einen nähren Blick wert. Schon von außen ist es ungewöhnlich. Was macht ein Wohnhaus in der Mitte eines Friedhofs? Und warum hat das Haus einen Glockenturm? Blickt man genauer hin, wird es noch spannender: Hier haben wir das älteste Haus in Wöhrd und eines der ältesten Häuser außerhalb der Nürnberger Stadtmauer vor Augen.

Seinen Ausgangspunkt nahm die Geschichte des Wöhrder Totengräberhauses im Jahre 1528. Damals beschloss der Nürnberger Rat, die bisher um die Pfarrkirchen angesiedelten Friedhöfe vor die Mauern der Stadt zu verlegen. So entstanden nicht nur der St. Johannis- und der St. Rochus-Friedhof. Auch der Friedhof der kleinen Handwerkervorstadt Wöhrd wurde aus dem Bereich um die Barthomäuskirche an die Gabelung der beiden Straßen nach Lauf und Mögeldorf verlagert. Noch im gleichen Jahr wurde an der Friedhofsmauer auch ein Haus für den Friedhofswärter errichtet, der gleichzeitig die Aufgabe des Totengräbers wahrnahm. Damit befand sich dessen Wohnung (wie heute noch das Steinschreiberhaus in St. Johannis) nicht im, sondern am Rande des damals wesentlich kleineren Friedhofsgeländes. Dies sollte sich aber bald ändern.

Bisher war man davon ausgegangen, dass dieses erste Haus - wie viele andere Städte, Dörfer und Gebäude im Nürnberger Landgebiet - dem sogenannten 2. Markgrafenkrieg (1552-1554) zum Opfer gefallen war. So war die gesamte Vorstadt Wöhrd einschließlich der Kirche 1552 durch Nürnberger Truppen niedergebrannt worden, um freies Schussfeld vor der Stadtmauer zu erlangen. Die Untersuchung der Bauhölzer des Wöhrder Friedhofswärterhauses, die im Rahmen der Vorarbeiten für dessen Sanierung erfolgten, zeigte aber, dass das Haus überraschenderweise von dieser Katastrophe nicht betroffen war. Die im Obergeschoss und im Dachstuhl des Hauses verwendeten Bauhölzer wurden im Jahre 1528 geschlagen und spätestens 1529 verbaut. Man kann also davon ausgehen, dass dieses Haus - aus welchen Gründen auch immer - weder von den Nürnberger, noch von den markgräflichen Truppen zerstört wurde. Im Kern haben wir hier damit ein Haus aus der Zeit kurz nach dem Tod Albrecht Dürers vor uns und damit das älteste in Wöhrd.

Totengrberhaus

01-01-01 Friedhofswaerter._2
01-01-01 Friedhofswaerter._3

 

 

Selbstverständlich wurde im Laufe der Jahrhunderte immer wieder an dem Friedhofswärterhauses gebaut. So wurde nach 1600 das Fachwerk im Erdgeschoss des Hauses durch Sandsteinmauerwerk ersetzt. Etwa um die gleiche Zeit erhielt das Haus wohl auch sein Glockentürmchen. Gleichzeitig wurde in das bis dahin wohl ungeteilte Erdgeschoss auch ein Raum – wahrscheinlich für den Pfarrer – eingebaut. Im 19. Jh. wurde dann im Obergeschoss - wohl als Dämmung - vor die weiterhin vorhandene alte Fachwerkwand eine Ziegelwand gebaut. Kurz nach 1900 folgte dann noch der Anbau eines Schuppens an das Gebäude. Durch mehrere Friedhofserweiterungen wanderte das Gebäude zusätzlich vom Rand des Friedhofes immer mehr in dessen Mitte.

Auch im Inneren des Gebäudes zeigen sich noch viele Reste seiner Geschichte. Während das Untergeschoss vielfach für neue Nutzungen angepasst wurde, zeigt sich die Raumeinteilung des Obergeschosses wohl weitgehend noch wie in der Erbauungszeit. Neben einer größeren Stube und dem Flur fanden dort eine Kammer und eine Küche Platz. Ausgestattet waren diese mit Bohlen-Balkendecken und in der Stube an zwei Seiten mit (ursprünglich rot gestrichenen) Bohlenwänden. Geheizt werden konnte die Küche und durch einen Hinterladerofen die Stube. Auf diesem engen Raum - weniger als 30 qm - wohnten teilweise bis zu neun Personen. Teilweise wohl unter für uns heute nur schwer vorstellbaren Verhältnissen. Denn der Wöhrder Totengräber war auch nach damaligen Maßstäben kein Großverdiener. So verdiente der Amtsinhaber um 1800 mit 80 bis 90 Gulden im Jahr ungefähr ein Drittel dessen, was ein Handwerker nach Hause brachte.  Trotz dieser engen und teilweise primitiven Verhältnisse war das Wöhrder Totengräberhaus noch bis zum Jahre 1975 bewohnt. Seitdem wird es nur noch als Friedhofsgärtnerei und Abstellraum genutzt.

 Auch wenn es äußerlich noch einen guten Eindruck macht, ist die Zeit an dem Haus nicht folgenlos vorbeigegangen. Durch Feuchtigkeit ist es zu Schäden an der Fachwerkkonstruktion gekommen, die die Statik des Hauses bedrohen. Eine Renovierung ist unumgänglich, soll das Haus auch für kommende Generationen erhalten bleiben. Als ersten Schritt hierzu wurde eine Bestandsaufnahme des Gebäudes angefertigt. Nun folgen die konkreten Sanierungsplanungen. Als mögliche neue Nutzungen sind Räume für die Kirchengemeinde und den Vorstadtverein angedacht. Aber auch die Friedhofsgärtnerei soll weiterhin ihren Platz im Haus finden.

Für den, der sich für die Geschichte des Hauses interessiert ist sehr lesenswert: Herbert May, Das Totengräberhaus in Wöhrd - Ein altes Gebäude mit bewegter Geschichte, Nürnberger Altstadtberichte, Nr. 35/2010.

Spenden für den Erhalt des Hauses sind möglich auf das Konto des Kirchenbauvereins St. Bartholomäus Nürnberg-Wöhrd e.V., Konto-Nr. 182 09 66 bei der VR Bank Nürnberg e.G. (BLZ 760 606 18), Stichwort: „Totengräberhaus“.

01-01-02 werb seeh
Facebook
01-01-02 web kais
01-01-02 web schnei
01-01-02 web fuss
01 QR-Code-VVWOEHRD

Copyright (c) Vorstadtverein Nürnberg Wöhrd von 1877 e.V.

AGBV
Arbeitsgemeinschaft der
Bürger-und Vorstadtvereine
Nürnbergs e. V.

01-01-06-1 pan

VORSTADTVEREIN
 NÜRNBERG-WÖHRD von 1877 e. V.