Rundgang

 

 

Steht man heute an der vom Verkehr umtosten Straßenecke Rathenauplatz/Äußere Cramer-Klett-Straße, kam man sich nur schwer vorstellen, dass sich hier, im Schutz der gewaltigen Wöhrder Bastion und vor dem Wöhrder Türlein, eine dichte Kette prachtvoller Gärten aneinander reihten (Abbildung 1). Seit dem 15. Jahrhundert hatten Patrizier, aber auch Bürger der Reichsstadt Nürnberg hier vor den Mauern ihre Gärten angelegt. Nicht nur, um hierher aus der Enge der ummauerten Stadt zu fliehen, sondern vor allem auch, um in Laufnähe frisches Gemüse und Obst für die häusliche Küche anzubauen. Während der Nutzung als Gemüsegarten in der frühen Phase der Entwicklung noch im Vordergrund stand, trat nach dem 30-jährigen Krieg zunehmend auch die Repräsentation und Prachtentfaltung der reichen Patrizier und Bürgerfamilien in den Vordergrund. Aus Gemüsefeldern wurden zunehmend barocke Ziergärten voller Zierfiguren und exotischer Pflanzen. Und auch die bisher kleinen Gartenhäuser veränderten sind. Aus Fachwerkhäusern für Gartenwerkzeug und Gärtner - das Wöhrder Totengräberhaus ist eines der wenigen Zeugnisse dieser Zeit - wurden teilweise prachtvolle Gartenpalais und Orangerien.

Eine der vornehmsten Familien, die ihren Garten im unmittelbaren Vorfeld der Stadtmauer hatten, war der ältere Zweig der Familie Tucher. Ihr Gartengrundstück erstreckte sich zwischen der heutigen Georg-Strobel-Straße und der Cramer-Klett-Straße. Auf der Abbildung des Gartens in den Hesperiden (Abbildung 2) sieht man einen fast ländlichen Garten, der vor allem von in der Mittelachse stehenden, für einen damaligen Garten ungewöhnlichen Föhren geprägt wird. Die Familie Tucher hatte eine enge Beziehung zur Vorstadt Wöhrd. So hätten sie nicht nur das Patronat, das heißt das Recht inne, den Pfarrer an der dortigen St. Bartholomäuskirche zu bestimmen. Auch die Gruft der Familie befand sich in der Kirche. Noch heute erinnert die Tucherloge dort an diese früher enge Beziehung. Und auch die Vorgängerin der heutigen „Porst-Orgel“, die aus dem Jahre 1702 stammende „Tucher-Orgel“, war von der Familie gestiftet worden.

Auf der gegenüberliegende. Straßenseite, am Rand des heutigen Cramer-Klett-Parks lag der Garten de Familie Silberrad. Die Abbildung in den  Hesperiden  (Abbildung 3) zeigt ihn in dem Zustand, in dem er  nach der Neugestaltung durch die Johann Jakob und Johann Gustav Silberrad war. Wie ihr Vater Dr. Stephan Jacob Silberrad waren diese Ratskonsulenten, das heißt Juristen in Dienst der Reichsstadt Nürnberg. In dieser Eigenschaft brachte es Johann Jakob bis zum Prokanzler der reichsstädtischen Universität Altdorf. Daneben versuchten sich die Brüder auch mit verschiedenen Manufakturen. So gründeten sie in Schniegling eine nur mäßig erfolgreiche Furnierfabrik.

Betrachtet man die Abbildung des Silberradschen Gartens, sieht man einen lang gestreckten, nach barocken Prinzipien angelegten formalen Garten im französisch-italienischen Stil. Im Vordergrund erstrecken sich mit Blumen und bunten Kies teppichartige gestaltete Broderiebeete. Umrandet sind sie von beschnittenen Buchsbäumen. Die Ecken zieren Zitronenbäumchen. In der Mitte ein Springbrunnen – gespeist von einem der Wasserwerke und Pumptürme an der Pegnitz. Auf der linken Seite erstreckt sich die Stadtmauer. Im Hintergrund links sieht man den Laufer Torturm, der noch heute am Rathenauplatz steht. Im Hintergrund, abgeteilt durch eine niedrige Balustermauer und ein prächtiges Tor, die Wohngebäude des Gartens an der heutigen Äußeren-Cramer-Klett-Straße. Rechts Gärtenhaus und Orangerie. Im Vordergrund zwei barock gekleidete Herren – wahrscheinlich die beiden Brüder.

Unmittelbar an den Garten der beiden Brüder schloss sich der Geyselsche Garten an. In den Hesperiden findet sich eine Abbildung (Abbildung 4) eines reich mit Figuren, Zitronenbäumchen und Spalieren geschmückten  Gartenparteeres und eines – mit einer Adlerfigur geschmückten – Springbrunnes in diesem Garten. In einem Gartenhaus dieses Gartens befand sich seit 1703 die erste reformierte Kirche Nürnbergs. In den Wirren des Spanischen Erbfolgekrieges hatte der Rat der Glaubensgemeinschaft unter strengen Auflagen erlaubt, ihre Kirche vom unsicheren Stein in die Nähe der Stadtbefestigungen zu verlegen. 1704 konnte die Gemeinde endlich Haus und Garten kaufen und – auch aufgrund einer Fürsprache des preußischen Königs – die Erlaubnis zur dauerhaften Nutzung für ihre Gemeinde erlangen. An Stelle dieses Gartengrundstücks erstreckt sich heute das Gebäude des ehemaligen Postgiroamtes.

Gleiches gilt für den ehemaligen Garten der Ratskonsulenten-Familie Seutter, der sich unmittelbar an diesen Garten anschloss und sich bis zwischen Äußerer Cramer-Klett-Straße und Kesslerplatz erstreckte. Auf den beiden Abbildungen (Abbildung 5 und 6) in den Hesperiden sieht man, wie aufwändig dieser Garten ausgestattet war. Neben umfangreichen Heckenkabinetten befand sich auch hier ein großer Springbrunnen inmitten eines barock gestalteten Gartenparterres. Ein aufwändig gestaltetes Tor öffnete sich zum heutigen Keßlerplatz. Die Versorgung der Brunnen in diesem und den anderen Wöhrder Gärten mit Wasser wurde durch Pumpwerke an der Pegnitz im Bereich Alt-Wöhrds sichergestellt. Große Wasserräder pumpten das Flusswasser in hohe Wassertürme aus denen es dann durch Rohrleitungen in die einzelnen Gartenanwesen geleitet wurde. Auf barocken Stichen der Vorstadt Wöhrd sieht man mehrere dieser hohen schmalen Wassertürme über dem Städtchen aufragen.

Im 19. Jahrhundert gelangte dieser Garten in das Eigentum des Nürnberger Industriepioniers Johann Friedrich Klett (1778 - 1847) und ab 1847 seines Nachfolgers Theodor von Cramer-Klett  (1817 – 1884). Unmittelbar im Anschluss an ihre Fabrikanlage, die sich auf dem Gelände zwischen Kesslerstraße und heutigem Prinzregenufer erstreckte und aus der die MAN hervorging, ließen sie von dem Architekten Leonhard Schmidtner (1799 – 1873) ein repräsentatives Palais – das Cramer-Klett-Palais errichten. In den späten 30er-Jahren bewohnte dieses Palais der später im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess zum Tode verurteilte Nürnberger Gauleiter und wüste Antisemit Julius Streicher. Möglich geworden war dies dadurch, dass die Stadt Nürnberg im Jahre 1929 den Cramer-Klettschen und den unmittelbar angrenzenden, damals im Eigentum der Familie Tucher befindlichen Garten für die Errichtung einer neuen Stadthalle angekauft hatte. Da dieses Projekt als Folge der Weltwirtschaftskrise scheiterte, wurden die Gärten als öffentliche Parkanlagen für die Bevölkerung geöffnet und blieben so erhalten.

An den ehemaligen Tucherschen Garten erinnert heute noch der klassizistische sog. Apollo-Tempel, den die Familie um 1830 von einem unbekannten Architekten errichten ließ und der heute als Marionettentheater genutzt wird. Auch in den Volkamerschen Hesperiden findet sich dieser Garten (Abbildung 7), damals allerdings noch im Eigentum des Ratskonsulenten Dr. Schober. Besonders bemerkenswert ist hier – neben dem fast schon üblichen üppigen Schmuck mit Figuren, Brunnen und Zitronenbäumchen – vor allem das barocke Gartenhaus, das an der heutigen Kesslerstraße lag (Abbildung 8). Das kleine dreiachsige und mit zwei Giebeln ausgestattete Gebäude war üppig mit Figuren dekoriert. Sehr detailliert sieht man diesen Schmuck auch auf einem Stich von Johann Adam Delsenbach, auf dem das Gebäude im Hintergrund zwischen Bäumen abgebildet ist (Abbildung 9). Als letzter Rest des barocken Gartens war nach dem 2. Weltkrieg noch ein Gartengebäude aus der Mitte des 18. Jahrhunderts an der Äußerer Cramer-Klett-Straße erhalten geblieben, dass aber – wie die Überreste des Cramer-Klett-Palais, Ende der 50er-Jahre bei der Neuanlage des Parks abgerissen wurde.

Text: Knut Engelbrecht

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Hesperidengärten in und um den heutigen Cramer-Klett-Park

Ein Rundgang in Bildern (Teil 1)

Nürnberger Hesperidengärten  - bei diesem Begriff, der für die barocke bürgerliche Gartenpracht in der alten Freien und Reichsstadt Nürnberg steht, denken die meisten Nürnberger heute an die wunderschönen Gärten im Stadtteil St. Johannis. Den wenigstens ist bewußt, dass viele der prachtvollen  Gärten, die der Nürnberger Kaufmann, Botaniker und Gartenliebhaber Johann Christoph Volkamer (1644 – 1720) in seinem 1702 erschienen Buch abbildete, im Umfeld der Vorstadt Wöhrd langen. Dem heutigen Stadtteil Gärten bei Wöhrd. Letzter sichtbarer Rest dieser Gartenpracht ist der heutige Cramer-Klett-Park. Allein hier und in seinem unmittelbaren Umfeld befanden sich vier der in Volkamers Prachtband abgebildeten Gärten. Der folgende kleine Aufsatz stellt diese vier Gärten, ihre Geschichte und teilweise auch ihre Besitzer vor. Er beruht auf einem Rundgang im Rahmen der Stadtverführungen 2016. Es bleibt zu hoffen, dass bei der Neugestaltung des Cramer-Klett-Parks die Erinnerung an dieses besondere Stück Nürnberger Gartengeschichte auch vor Ort zumindest durch entsprechende Informationen wieder aufleben kann.

„In Hrn. Doct: Silberrad Garten“, (VH), um 1710.

 Das Wöhrder Thürlein“, Kupferstich von
Joh. Adam Delsenbach, um 1750.

„Prospect in Herrn C. W. Tuchers Garten“, Volkamerschere Hesperiden (VH), um 1710.

„Der Geyselische Garten bey Wehrt“,
 (VH), um 1710.

„ Fontain in Herrn Seuters Garten“, (VH), um 1710

„Spaziergang in Herrn Seuters Garten“,
 (VH), um 1710.

„In Hrn. Doct. Schobers Garten“, (VH), um 1710.

„In Herrn Doct. Schobers Garten“, (VH), um 1710

Dr. Schobers Gartenhaus, Ausschnitt aus „Das Wöhrder Thürlein“, Kupferstich von Joh. Adam Delsenbach, um 1750.

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