Luthers Thesen

 

 

Luthers Thesenanschlag und seine Folgen für Wöhrd Reformation in der Vorstadt

2017 jährt sich zum fünfhundertsten Mal die Veröffentlichung seiner 95 Thesen durch Martin Luther. Die Versendung dieser gegen den Ablasshandel gerichteten Abhandlung in einem Brief an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Albrecht von Brandenburg, am 31. Oktober 1517 markiert historisch den Beginn der Reformation in Deutschland. Von dann an dauerte es nur knappe acht Jahre, bis sich die Reichsstadt Nürnberg dazu entschloss, ihr Kirchenwesen nach den Ideen Luthers neu zu organisieren. In Folge des im März 1525 auf maßgebliche Initiative des Ratsschreibers Lazarus Spenglers durchgeführten Religionsgesprächs im Großen Rathaussaal des Nürnberger Rathauses wurde in allen Kirchen unter dem Einfluss des Nürnberger Rates die Messe nun auf Deutsch gelesen und das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgeteilt.

Auch auf die Vorstadt Wöhrd hatte dies unmittelbare Auswirkungen. Die dortige St. Bartholomäuskirche war erst knapp 90 Jahre zuvor als Filialkirche der Nürnberger Hauptkirche St. Sebald offiziell anerkannt worden. Vorausgegangen waren Jahrzehnte rechtlicher Auseinandersetzungen zwischen den Sebalder Pfarrern, dem Wöhrder Rat und den jeweiligen Landesherren. Begonnen hatten sie 1396 mit dem - wohl tatsächlich widerrechtlichen - Bau einer Kappelle in Wöhrd durch den Nürnberger Burggrafen als damaligen Landesherren und endeten erst dadurch, dass der Nürnberger Rat 1438 beim päpstlichen Legaten erreichte, dass in der Vorstadt eine Kirche auch offiziell errichtet, ein Priester bestellt und ein Friedhof eingerichtet werden durfte.

Die neue Kirche entwickelte sich in der Folge gut. Zunächst wurde ein Kaplan von St. Sebald nach Wöhrd versetzt. Bezahlt wurde dieser in der Hauptsache durch den Wöhrder Rat, der dies bereits 1436 gegenüber dem Nürnberger Rat zugesichert hatte. Das neue Pfarrhaus stand an der Stelle des heutigen Pfarrgartens. Für diesen Kaplan wurde - wohl nach dem Vorbild eines Nebenaltars in St. Sebald - als Hauptaltar der Kirche der St. Bartholomäusaltar gestiftet. In den Folgejahren kamen weitere drei Altäre mit entsprechenden Geistlichen hinzu. Bereits 1441 wurde durch die Familie Tucher eine Ewige Messe auf dem St. Leonhardsaltar gestiftet. 1455 kam eine zweite solche Messe auf einem Marienaltar hinzu. Letzte Stiftung vor der Reformation war Ende des 15. Jahrhunderts die Errichtung einer Stiftung für einen Johannisaltars.

Einer der ersten Schritte bei der Einführung der Reformation durch den Rat war die Abschaffung der Ewigen Messen und vor allem die Einziehung der damit verbundenen Pfründen und Einnahmen zugunsten des reichsstädtischen Almosenamtes. Auch in St. Bartholomäus wurde die Pfründe auf dem Marienaltar eingezogen. Die durch den Wöhrder Rat finanzierte Pfründe auf dem Bartholomäusalter wurde zur Finanzierung der Stelle des Predigers verwendet, der nunmehr zum ersten Mal als Wöhrder Pfarrer bezeichnet wurde. Erhard Beer, der 1524 noch Kaplan an St. Sebald war, aber bei seiner Heirat mit Elisabeth Schwarz am 30. März 1525 bereits als Pfarrer von Wöhrd bezeichnet wurde. Er löste Johann Felzel ab, der 1523 noch vor der Einführung der Reformation sein Amt angetreten hatte. Die Pfründe auf dem Johannisaltar wurde im gleichen Jahr in eine Predigerstelle (Prädikatur) umgewandelt. Erster Inhaber dieser Stelle war bis 1533 Achatius Parsberger. Auf diesen Zeitpunkt geht die Errichtung von zwei Pfarrstellen in St. Bartholomäus zurück.

Diese Veränderungen fanden in einem unruhigen Umfeld statt. Seit 1523 tobte im gesamten südlichen Teil des Reiches der sog. Bauerkrieg. Auch traten immer wieder Wanderprediger auf, die einen großen Zulauf hatten. So hielt am Sonntag vor Fastnacht 1524 ein „Bauer von Werd“ genannter Wanderprediger unter großem Zulauf eine Predigt vom freien Willen und gegen die Verehrung der Heiligen. Wer sich hinter diesem Pseudonym verbarg war umstritten, da der Prediger unter verschiedenen Namen auftrat. Wahrscheinlich handelte es sich aber um einen verkleideten Geistlichen aus Schwaben. Die Unruhen in der Vorstadt erreichten im Juni und Juli des gleichen Jahres ihren Höhepunkt. Am 5. Juli ließ der Nürnberger Rat den Wöhrder Bierwirt Ulrich Aberhenlein enthaupten, da er zu Aufständen gegen die Obrigkeit aufgerufen hatte und gegen das Umgeld – eine Steuer - gehetzt hatte. In der Folge beruhigte sich die Situation in Wöhrd, so dass die Einführung der Reformation dort – wie auch im gesamten Nürnberger Staat – relativ problemlos vor sich ging.

1531 bestimmte der Nürnberger Rat, dass der Wöhrder Pfarrer die gleiche Besoldung wie die Geistlichen an den Hauptkirchen St. Sebald und St. Lorenz erhalten sollte. Zur Finanzierung dieser Leistung griff der Rat teilweise auf die Einnahmen aus der Tucherpfründe genannten Stiftung auf den St. Leonhardsaltar zurück. Anders als die anderen Pfründenstiftungen in St. Bartholomäus verblieb diese allerdings auch nach der Reformation in den Händen der Stifterfamilie Tucher. Sie wurde durch den jeweils ältesten Tucher als Administrator verwaltet. Bereits 1528 waren durch die Familie Teile der Einnahmen aus der Stiftung für die Dotierung der Predigerstelle verwendet worden. 1529 wurde das Pfründerhaus in der Wöhrder Schulgasse 1 diesem als Wohnhaus überlassen.

Die finanzielle Aufwertung der neuen Pfarrstelle in Wöhrd war sicherlich auch Ausdruck der Zufriedenheit mit dem Stelleninhaber Erhard Beer, dem bei einer Visitation im Jahre 1528 eine vorbildliche Amtsführung bescheinigt worden war. Nicht immer ganz so vorbildlich scheint aus Sicht des Rates, der mit der Übernahme des Summepiscopates 1525 auch die geistliche Aufsicht über die Nürnberger Pfarreien übernommen hatte, die Amtsführung des Predigers Parsberger gewesen zu sein. So sah sich der Rat im Februar 1529 gezwungen, wegen gewisser Äußerungen zum Thema der Wiedertaufe ermahnend gegen diesen vorzugehen. Während diese Untersuchung für Parsberger nach einer entsprechenden Entschuldigung glimpflich endete und auch eine Untersuchung gegen seinen Nachfolger Funk wegen Schmähreden in seinen Predigten für diesen ohne nachhaltige Folgen blieb, wurde ein weiterer Nachfolger, Pfarrer Preuschel, 1564 aus seinem Amt entfernt und aus dem Nürnberger Gebiet ausgewiesen. Hintergrund waren wohl Ausführungen in seinen Predigten, in denen er die Erhebung des Umgelds als Sünde bezeichnete.

Eine noch heute fortwirkende Veränderung infolge der Reformation war die Verlegung des bisher um die St. Bartholomäuskirche angelegten Wöhrder Friedhofes an seinen heutigen Standort vor die Vorstadt, an die heutige Bartholomäusstraße. 1529 wurden dort eine Kapelle und ein Totengräberhaus errichtet. Während das kleine Gotteshaus 1943 durch Bomben zerstört wurde - nur das Kruzifix blieb erhalten - überstand das kleine Wohnhaus die Zeitläufe bis zum heutigen Tag. Der neu angelegte Gottesacker, der in der Folge noch mehrmals erweitert wurde, diente nicht nur den Wöhrdern als Friedhof, sondern wurde auch für die Beerdigungen der Bewohner der Altstadt zwischen Laufer Schlagturm und Laufer Tor genutzt. Noch heute ist dieser Friedhof Begräbnisstätte für die Wöhrderinnen und Wöhrder. Ab diesen Sommer soll das knapp 500 Jahre alte Totengräberhaus saniert werden. Es ist eines der wenigen dauerhaften Zeugnisse aus der Zeit der Reformation in der Vorstadt Wöhrd.

(Verwendete Quelle: Wilhelm Schwemmer, Pfarrei Nürnberg-Wöhrd, 1956 und Aus der Vergangenheit

der Vorstadt Wöhrd, 1931).

Knut Engelbrecht

 

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